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Unter Sternschnuppen

Wir alle sind Engel mit nur einem Flügel - erst zusammen können wir fliegen

Sophie Schaube

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June 06

Kurzgeschichten!

Hier eine Reihe von Kurzgeschichte, die alle schon um die vier Jahre alt sind. Mit sechszehn hat man bekanntlich einen Hang zur Dramatik. So war es auch bei mir, so soll es sein und deshalb verdienen es auch diese Geschichten, ihren Platz hier zu bekommen:


Im Rausch


Und auf einmal sind es nur noch wir zwei. Der Wind und ich. Wir berühren uns, streifen die Einsamkeit mit zweihundert Stundenkilometern in meinem kleinen schwarzen Capriole, werden immer schneller, überholen alles, was passiert ist. Jeden schmutzigen, furchtbaren Moment der letzten Wochen, hängen die kühlen, lautlosen Nchte ab, die sich seither in mein Leben geschlichen hatten und sind auf einmal allein mit uns, völlig losgelöst von allem und jedem, vom Leben. Was ist passiert? Wie bin ich hier hergekommen? Eigentlich bin ich nie ein Mensch mit großen Erwartungen gewesen. Ich hatte meine Wünsche, meine Träume, aber sie waren nicht naiv oder zu hoch angesetzt. Ich war nie naiv, wenn man mal von einer kurzen Zeit zwischen sechzehn und siebzehn absieht. Eigentlich ist mein Leben immer ziemlich unspektakulr verlaufen. Keine großen Skandale, keine erwähnenswerten Fehler, es war eher geradlinig, verlässlich, und ich mochte es so wie es war. Ich mochte mich so wie ich war, obwohl ich mir nie wirklich lange Gedanken um mich und mein Leben gemacht habe. Es gab ja auch gar keinen Anlass dazu. Bis zu dem Tag, an dem Max morgens das erste Mal mit der Straßenbahn statt mit dem Auto zur Arbeit gefahren ist. Als ich ihn an der Tür an seine Schlüssel erinnerte und er nur kurz rief, er wolle heute die Straßenbahn nehmen, hatte ich kurz gestutzt, denn ich konnte mich nicht erinnern, dass Max schon jemals nicht mit dem Auto zur Arbeit gefahren war. Ich konnte mich nicht erinnern, dass Max überhaupt jemals irgendwo hin nicht mit dem Auto gefahren war. Aber es war einfach keine Zeit mehr, nachzufragen. Jetzt frage ich mich, wie dieser Tag ausgesehen hätte, hätte ich es getan. Als ich am Abend den Schlüssel im Schloss drehte, packte mich mit einem Mal ein seltsames Gefühl, das ich heute als eine böse Vorahnung deute. Vielleicht ist mein Blick im Vorbeigehen auf die Fußmatte gefallen und ich habe im Augenwinkel sehen können, dass Max Schuhe nicht auf ihrem gewohnten Platz standen. Oder es war der Briefkasten, der noch nicht geleert worden war wie sonst wenn ich von der Arbeit komme, denn Max hat jeden zweiten Montag eine Stunde eher Feierabend als ich. Im Flur empfingen mich die ersten Vernderungen. Der kahle Garderobenständer, an dem einsam und verlassen mein schwarzer Mantel hing, den ich am Abend zuvor in der Pizzeria anhatte,  Max Schlüssel und die Zweitschlüssel ordentlich aufgereiht auf der Kommode. Meine Handtasche fest umklammert durchquerte ich die Küche, das Wohnzimmer, entdeckte den leeren Fleck hinter dem Sofa, auf dem sonst Max geliebter Laptop ruhte. Als ich durch die Nische ins Schlafzimmer ging konnte ich mein Herz am ganzen Körper pochen fühlen. Das Licht, das von der Straßenlampe direkt durchs Fenster fiel, tauchte das Zimmer in ein stechend gelbes Licht. Ohne die Tasche loszulassen griff ich nach dem Zettel, der auf der nackten Matratze lag und an mein Kopfkissen anlehnte. Während ich auf der Bettkante saß und die vier Worte immer und immer wieder las, ging um mich herum, ganz leise und stumm, die Welt unter. Und als ich am nächsten Morgen aufwachte war mein Leben nicht mehr da. In dieser Nacht, während ich mit dem Brief in meiner einen und der Handtasche in der anderen Hand im gelben Licht der Straßenlampe schlief, hat sich mein Leben davon geschlichen und ist seitdem nicht zurückgekommen. Ich mache die Augen zu und versuche zu atmen. Ich fahre mit zweihundert Sachen auf der leeren Autobahn mitten in der Nacht und habe die Augen geschlossen. Will ich sterben? Bringe ich mich gerade um? Ich reiße die Augen auf und starre ins leere Nichts, das sich vor meinen Augen erstreckt. Und weil ich die Erinnerungen im Nacken spüre, wie sie näher kommen, wie sie nach mir greifen, trete ich aufs Gas und nehme nur den Wind mit. Und wir sind wieder allein. Ich denke an Anna, an das, was sie gestern Abend am Telefon zu mir gesagt hat. Ich soll einfach losfahren, einfach ins Auto steigen, nichts mitnehmen und so lange fahren bis ich nicht mehr weiß wie lange ich schon unterwegs bin. Mein Blick fällt auf die Digitalanzeige neben mir. Es ist drei Uhr fünfzehn in der Nacht und ich bin seit zwei Stunden und sieben Minuten unterwegs. Mein Kopf rauscht, meine Hände sind taub vom kalten Wind, der durch das offene Fenster fegt, aber ich brauche den Wind, ich brauche das Rauschen im Kopf, damit ich alles andere nicht mehr hören muss. Ob es vernünftig ist, was ich gerade tue? Ich weiß es nicht mehr. Es ist bestimmt vernünftiger als zu Hause das Geschirr auf den grauen Kacheln zerspringen zu lassen oder sich mit Hochprozentigem vollzukippen und danach die ganze Nacht vor dem Klo zu verbringen. Es ist bestimmt vernünftiger als mit der Rasierklinge aus Max Rasierapperat, den er als einziges zurückgelassen hat, wahrscheinlich aus Versehen, im Bad zu stehen und im Spiegel nach sich zu suchen, während man die kalte, flache Seite der Klinge ans Handgelenk drückt oder sich völlig berstrüzt und aus einem Anflug von Selbsthass heraus die Haare mit einer Kinderschere aus dem Bastelkasten bis zu den Ohrläppchen krumm und schief abzuschneiden. Ich erinnere mich an jeden einzelnen demütigenden und erniedrigenden Moment der letzten zwei Wochen und komme zu dem Schluss, dass ich hier im Auto auf dem Weg nach Irgendwo besser aufgehoben bin als in meiner leeren Wohnung. Warum ich mir nicht helfen lasse, hat Anna mich gefragt. Und ich hab nur gesagt, mir könne niemand helfen. Mir kann niemand helfen. Nur einer und der ist verschwunden, abgehauen, ohne mir die Chance zu geben, ihn zu verstehen, seine Entscheidung zu verstehen. Es tut mir leid, hat er auf den Zettel geschrieben. Es tut ihm leid. Aber in Wirklichkeit wollte er doch schon lange gehen, hat auf den richtigen Zeitpunkt gewartet, so lange, bis er begriffen hat, dass es keinen richtigen Zeitpunkt gibt zu gehen. Dass, egal wann, es mich umbringen würde, es mir den Boden unter den Füßen wegreißen würde. Ich spüre keinen Boden mehr, spüre gar nichts mehr, fliege nur immer schneller durch die Dunkelheit, ohne Ziel, ohne Ende oder Anfang, und plötzlich sind es nur noch wir zwei. Der Wind und ich. Wir berühren uns, streifen die Einsamkeit an beiden Seiten und lassen alles andere hinter uns. Jeden schmutzigen, furchtbaren Moment, jedes Wort, jeden Blick, all die Jahre. Jeden einzelnen Tag und werden schneller und irgendwo weit weg oder auch ganz nah wacht er vielleicht auf, mtten in der Nacht, und hört das Rauschen, das in meinem Kopf angefangen hat, das mit dem Wind getragen wurde und die ganze Nacht durchdringt und schreit und weint und all die Jahre einfängt, jedes einzelne Wort, jeden Blick, jedes Ich liebe dich, jedes Ich hasse dich, jedes Guten Morgen und Gute Nacht, jedes Frohe Weihnachten und Happy Birthday, jedes Schatz und Maus und Hase und jedes Fahr zur Hölle und über allem ein einsames, lautloses Du fehlst mir. Ich vermisse dich. Und ich vermisse mich, wie ich mal war.




Gelähmt


Manchmal ist es, als wäre sie nie da gewesen, als hätte jemand die Erinnerung einfach ausgelöscht. Und wenn wir dann abends zusammen am Tisch sitzen und ich ihn ansehe, treffen sich unsere Blicke und obwohl wir beide wissen, dass es passiert ist, obwohl es in der Luft liegt so schwer wie Blei, kann ich es nicht in seinen Augen erkennen. Irgendwie beruhigt mich das. Dann kann ich mir einreden, dass er es vergessen hat, dass ich es vergessen habe, dass es womöglich überhaupt niemals passiert ist. Dann denke ich, wenn wir beide lang genug darüber schweigen, wenn es uns gelingt, uns jeden Abend anzusehen ohne es einander anzusehen, dann könnte es doch sein, dass es sich nach einer Weile ganz einfach in Luft auflöst.
 Niemand könnte dann je noch sagen, dass bei uns irgendwann mal etwas geschehen ist. Die Nachbarn haben von alledem nichts mitbekommen, dafür haben wir beide gesorgt. Die Kinder sowieso nicht, weil wir uns nach diesem einen Mal im Schlafzimmer nie mehr darber unterhalten haben. Und selbst bei diesem einen Mal war es, als hätte uns jemand die Worte in den Mund gelegt, als wären wir nicht wirklich da gewesen. Das war in den langen Ferien, als die zwei Großen im Sommerlager waren und die Kleine bei meiner Mutter. Wahrscheinlich wäre es nie raus gekommen, wenn unser Ältester nicht seine Jacke im Restaurant hätte liegen lassen. Ich bin grundsätzlich die Einzige, die so etwas bemerkt. Ich bin gtundsätzlich diejenige, die am Tag darauf, wenn die Kinder unterwegs sind, noch einmal dort hinfährt, um sie abzuholen und sie zu Hause an ihren Platz zu hängen, damit sie nicht irgendwann vermisst wird.
Vielleicht wäre alles anders geworden, wenn wir am Abend zuvor im Restaurant nicht beim Rausgehen den Autoschlüssel gesucht hätten. Wenn ich mich stattdessen auf die Jacken der Kinder hätte konzentrieren können. Dann hätte ich gleich gemerkt, dass wir sie hatten hängen lassen und hätte nicht am nächsten Morgen noch einmal dort hinfahren mssen. Ich hätte sie nie gesehen, hätte wie sonst jeden Abend mit dem Essen auf ihn gewartet, bis er nach Hause kommt, hätte die kalten Kartoffeln wieder aufgewärmt und nicht gefragt, wieso er länger arbeiten musste. Wie jeden Abend hätten wir gegessen, hätten uns nichts zu sagen gehabt, hätten im Bett gelegen, das Licht ausgemacht und uns höflich eine gute Nacht gewünscht. Es wäre alles wie immer gewesen, wenn ich einen kurzen Blick auf den Garderobenständer mit der Jacke geworfen hätte. Einen Blick. Dann hätte ich vielleicht eine Ahnung gehabt, eine Vorstellung, aber ich hätte sie nie gesehen, wie sie da gesessen hat mit ihm, wie sie ihn angeschaut hat, wie er sie angeschaut hat, ihre Hand auf seinem Arm, ihr Fuß an seinem Bein. Ich habe mal gelesen, dass ein Reh, wenn es von den Scheinwerfern eines Autos geblendet wird, für einen Moment wie gelähmt ist und sich nicht bewegen kann. Deshalb wird es angefahren. Deshalb mussten sich unsere Blicke irgendwann treffen. Wir waren uns über alles einig an diesem Abend im Schlafzimmer. Niemand hat irgendetwas mitbekommen. Es wurde nicht laut gesprochen, es wurden keine Türen geknallt. Wenn ich recht darber nachdenke, habe ich noch nie im Leben ein so vernünftiges und sachliches Gesprch mit jemandem geführt. Wie mit einem Fremden, den man nicht kennt. Ich weiß nicht einmal ihren Namen. Und es gibt Momente, in denen ich mir nicht mal sicher bin, ob er ihn kennt.
Wie lange ist das jetzt her? Spielt keine Rolle. Spielt sie noch eine Rolle? Ich weiß es nicht. Ich frage nicht danach. Er kommt an jedem Abend pünktlich nach Hause, wir fahren an den Wochenenden mit den Kindern zu seinen Eltern, wir kaufen Reisekataloge, machen die Steuererklärung, kaufen Gartenmöbel. Wenn wir abends gemeinsam am Tisch sitzen, sehen wir uns an und ich suche in seinen Augen nach ihr, nach irgendetwas, was an sie erinnert und weil ich nichts finde, ist es so, als wäre sie nie wirklich da gewesen, als hätte jemand die Erinnerung einfach ausgelöscht. Dann stehe ich jedes Mal auf und gehe in die Küche, um das Dessert zu holen und jedes Mal wenn ich durch die Diele am Flur vorbeigehe, fällt mein Blick auf die Jacke am Garderobenständer und ich denke ganz bewusst daran, dass ich die Naht an der Seitentasche mal erneuern sollte und jedes Mal merke ich, dass der Anblick der Jacke mich an irgendetwas erinnert. Ich habe nur ganz vergessen woran. Und vielleicht war da ja auch nie was.





Das macht man nicht


Ehrlich gesagt wollte ich gar nicht springen. Wirklich nicht. Klar, jetzt nimmt mir das natürlich keiner ab, aber es ist wahr. Als ich da stand, war es nicht einen Moment lang meine Absicht, tatsächlich da runter zu springen. Na gut, vielleicht für einen Augenblick. Aber ich hätte es nicht getan, da bin ich mir sicher. Ich muss schon darber nachgedacht haben, es zu machen, sonst wäre ich ja nicht mitten in der Nacht einfach losgelaufen, um mich auf eine Brücke zu stellen, aber vielleicht war es auch nur dieses Gefühl, was mich dahin getrieben hat.
Dasselbe Gefühl, das man hat, wenn man auf der Autobahn auf dem Rücksitz sitzt und den Türgriff ansieht. Man weiß genau, dass man bei einer Autofahrt, noch dazu bei einer so schnellen, nicht einfach die Tür aufmachen darf. Und dann ist auf einmal dieses Gefühl da, dieser Gedanke, der sagt: Man kann aber rein theoretisch die Tür ffnen. Es würde funktionieren. Und auf einmal, obwohl man berhaupt nicht die Absicht hat, es tatsächlich zu tun, berührt man den Türgriff, als wollte man im nächsten Moment daran ziehen und die Verriegelung lösen. Man fragt sich, was passieren würde, wenn man etwas tut, was man niemals tun würde.
 Ich glaube, man nennt so etwas die Faszination am Unmöglichen. Jeder Mensch hat das, aber die meisten kommen niemals dazu, sie auszutesten, weil sie viel zu beschäftigt sind, um auf den Gedanken zu kommen, mal über Dinge nachzudenken, die sowieso nie geschehen werden. Kinder tun das ziemlich oft, habe ich gelesen. Aber irgendwann scheint jeder mal zu lernen, dass man sich im Leben auf Sachen konzentrieren muss, die passieren oder passiert sind oder mit aller Wahrscheinlichkeit passieren werden. Und dann spukt einem der Gedanke, an absurde Dinge zu denken, vielleicht manchmal noch im Kopf herum, aber weil er für uns nicht weiter relevant ist, schenken wir ihm irgendwann keine Aufmerksamkeit mehr. Dabei ist das so normal. Jeder hat doch schon mal in Gedanken jemand anderen umgebracht oder einen Spiegel mit der bloßen Faust zerschlagen oder unter Wasser tief eingeatmet. Oder er ist in Gedanken von einer Brücke gesprungen. Wieso auch nicht? Solange man es nicht wirklich tut. Genau das habe ich dem Psychiater, der ins Polizeipräsidium gerufen wurde, gesagt und es ist wahr. Solange man all diese Dinge nicht wirklich tut, ist doch nichts geschehen. Das ist ja das Interessante dabei. Nichts ist wirklich geschehen. Alles ist noch so wie vorher und eigentlich hat sich nichts verändert. Nur in meinen Gedanken ist etwas passiert, aber nicht in der Realität. Der Psychiater hat mir erklärt, dass er mich nicht einfach könne gehen lassen, auch wenn nichts passiert ist, weil ich mit meinem Verhalten eine Gefahr für meine Umwelt darstellen würde. Aber das ist nicht richtig. Ich bin keine Gefahr für meine Umwelt. Niemand leidet unter meinen Vorstellungen. Wenn ich mit einer Bekannten im vierten Stock eines Hochhauses stehe und sie in meiner Vorstellung schubse, sodass sie durch die verglaste Wand bis auf die Schnellstraße unten fallen würde, bekommt sie davon nichts mit. Und ich würde es ja auch niemals tun; das ist eben das Reizvolle an der Sache, dass man es niemals wirklich tun würde. Ich wollte niemanden erschrecken als ich auf der Brcke stand, hatte ich versucht, mich zu verteidigen, deshalb habe ich das ja im Dunkeln gemacht. Sie haben mich nicht verstanden. Eigentlich hatte ich auch nichts anderes erwartet. So ist das eben, die einfachsten Dinge der Welt versteht keiner, weil sie so simpel sind. Die Grenze zwischen Realität und Fantasie wäre bei mir verwischt, haben sie gesagt. Dass ich mich in Gedanken umgebracht habe, war Anlass genug, mich in die geschlossene Psychiatrie zwangseinzuweisen. Weil ich es auch völlig ohne Umschweife zugebe, haben sie gesagt. Als ob sie mich hätten gehen lassen, wenn ich es abgestritten hätte. Oder vielleicht hätten sie das sogar. Heutzutage ist es wesentlich klüger, alles, was nicht gerne gehört wird, zu leugnen. Das ist so ähnlich wie mit den Hexen im sechzehnten Jahrhundert. Die hat es auch nur auf den Scheiterhaufen gebracht, wenn sie sich nicht gefügt haben. Hätten sie sich einfach hübsche weiße Kleidchen angezogen und wären einmal die Woche mit den anderen Blumen pflücken gegangen, hätte man sie in Frieden gelassen. Es ist tödlich, anders zu sein als die anderen. Es ist ebenso tödlich, über seine wahren Gedanken zu sprechen. Mich hat es in die Klapse gebracht. Dabei könnte ich schwören, wenn ich mir den Psychiater so anschaue, dass er sich selbst schon in Gedanken umgebracht hat. Man redet aber nicht darüber. Man stellt sich nicht an den Rand einer Brücke, um auszutesten, wie sich das anfühlt, beinahe zu springen. Man erschreckt andere Menschen nicht mit abnormalen Verhaltensweisen. Man ist berhaupt nicht abnormal. Man hat ja jetzt gesehen, wohin das führen kann. Wenn man vernünftig ist, lässt man sich jetzt helfen und mit etwas Glück ist man dann irgendwann wieder gesund. Jetzt sitze ich hier in meinem Zimmer, in diesem merkwürdig leeren Raum und habe keinerlei Beschäftigung bis zum Abendessen. Ich bin ganz allein mit mir. Meine Gedanken sind auch noch hier, aber das darf natürlich keiner wissen. Was wird jetzt passieren? Nicht viel. Man wird sehen. Man wird hier sitzen und ausharren und sich helfen lassen. Bis man dann irgendwann wieder gesund ist.
Natürlich könnte man so ganz allein in diesen kahlen Wänden auf allerlei seltsame Gedanken kommen. Man könnte sich etwa vorstellen, wie man mit Anlauf und voller Wucht gegen die Tür läuft, als wäre sie nicht da. Aber natrlich macht man es nicht. Das macht man schließlich nicht.
June 05

Mitten im Leben!

Nach drei Jahren melde ich mich aus der Versenkung zurück und aktualisiere endlich einmal diese Seite wieder. Sie ist im wahrsten Sinne des Wortes in Vergessenheit geraten! Es ist viel Zeit vergangen, es ist viel passiert, nicht immer nur Gutes, aber doch immer öfter! Es gibt viele neue Geschichten! Und es gibt Grund zum Feiern: Die Geschichten zum Advent, die ich hier vor mehr als vier Jahren hinein gestellt habe, wurden im Dezember in der Lokalzeitung "Rund um Boppard" veröffentlicht! Außerdem ist der zweite Roman in Arbeit, steht aber noch voll und ganz in den Startlöchern! Doch nicht nur die Schriftstellerei bringt Blühten, neben Fernstudium und privatem Glück winkt die Schauspielschule schon - es wird viel passieren! In diesem Sinne :)

1.Korinther 13, 4-8a

Die Liebe ist langmütig und freundlich, die Liebe eifert nicht, die Liebe treibt nicht Mutwillen, sie bläht sich nicht auf; sie verhält sich nicht ungehörig, sie sucht nicht das Ihre, sie lässt sich nicht erbitten, sie rechnet das Böse nicht zu; sie freut sich nicht über Ungerechtigkeit, sie freut sich aber an der Wahrheit; sie erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie duldet alles. Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.
December 24

Sternenstaub - 4 Advent

Frohe Weihnachten

Alte Laster



Hört der Engel helle Lieder klingen über das weite Feld, und die Berge hallen wider von des Himmels Lob Gesang. Glo –o – oo –ooria, in exelsis deo.“

Da singen sie wieder unten auf der Erde. Alle in ihren Städten, in ihren Kirchen und Stuben. Jeder einzelne mit seiner Familie, seinen Freunden. Alle singen sie die alten Lieder. Ja, alt geworden sind sie wirklich. Die Lieder, die Melodien, die Geschichten.

Weihnachten ist alt geworden und mit Weihnachten ich. Ein alter Mann ist aus mir geworden. Jedes Jahr werde ich ein bisschen müder und langsamer. Und jedes Jahr fällt es mir ein wenig schwerer, mich aufzumachen an Heilig Abend. Auch, weil mir meine Rückenschmerzen immer mehr zu schaffen machen.

Und doch, ich stehe jedes Jahr an Weihnachten wieder auf aus meinem großen, weichen Sessel und nehme den langen Weg auf mich. Ruhig sitzen bleiben und Weihnachten verschlafen könnte man ja sowieso nicht. Ein riesiger Trubel bricht hier oben aus um diese Zeit. Alle fangen sie an, ihren Aufgaben nachzugehen. Zettel entgegennehmen, Wünsche anschreiben, Geschenke raussuchen, Päckchen schnüren, Säcke voller Spielsachen auf den langen Schlitten laden, die Renntiere wecken und anspannen. Es ist viel Arbeit zu verrichten.


Ich erinnere mich an Zeiten, als es sehr viel stiller von Statten ging im Advent. Hier oben wie auch dort unten. Sehr viel stiller, sage ich euch. Da war es eine Freude, sich die Zeit zu nehmen, um die Menschen zu beobachten. Zur Messe gegangen sind sie auch, genau so wie heute, und dann haben sie in ihren Häusern Messe gehalten. Gekocht und gebacken, gesungen und musiziert und Spiele veranstaltet, Spaziergänge unternommen und Schnee gefegt. Da waren die Straßen in den Städten noch leer, da waren alle beisammen am Kamin und haben die Weihnachtsgeschichte gelesen.

Die Augen der Kinder leuchteten während sie Wort für Wort der frohen Botschaft lauschten und die Holzkrippe im Wohnzimmer aufstellten.

Aber ich verfalle schon wieder in Erinnerungen und sitze immer noch in meinem Sessel. Nun, ein paar Minuten habe ich noch, bis es Zeit ist, aufzubrechen. Der Schlitten ist noch nicht ganz beladen. Es kann dauern. Letztes Jahr mussten wir einen zweiten daran hängen, weil der erste nicht genügte für die vielen Pakete.

Durch mein Fernrohr kann ich heute klar sehen, kein Nebel, keine Wolken. Es schneit nur ein wenig.

Da sitzen die einen auf den Bänken in der Kirche. Nun singen sie schon das zweite Lied. Noch vier weitere werden folgen, dann machen sie sich auf den Nachhauseweg und erwarten die Geschenke.

Nein, nein, das wird wieder ein Wettlauf mit der Zeit heute Abend.

Dort drüben machen sich die ersten auf den Weg zum Gottesdienst. Die Kinder mit ihren feinen Sachen versuchen heimlich, hinter dem Rücken ihrer Eltern, im Schnee zu spielen. Und noch weiter oben schmücken einige Familie ihre Christbäume. Prächtige Kugeln und Sterne hängen sie an die Zweige und große lila Schleifen und Anstecker.

Unter einem der vielen Bäume sitzt eine junge Frau mit einem schlafenden Kind im Arm. Ich erinnere mich an das letzte Jahr um diese Zeit, als ich sie beobachtete. Da saß unter demselben Baum mit den selbst gebastelten Strohsternen ein Paar, das sich verliebt anschaute. Ein junges Paar, das ein ebenso junges Geheimnis hütete. Und nun, nun sitzt sie allein dort und das Geheimnis ruht auf ihrem Schoß. Was mag wohl geschehen sein, frage ich mich. Und im Grunde kann ich mir denken, was geschehen ist.

Ich schwenke ein wenig herum mit dem Fernrohr bis ich das Fenster entdecke, hinter dem der andere Teil des Paares vom vergangenen Jahr sitzt. Auch unter einem geschmückten Baum, mit einer Frau an seiner Seite, die ihm versonnen in die Augen blickt. Das ist nicht das erste Mal, dass ich solche Schicksale sehe, doch es trifft einen jedes Mal aufs Neue. Es beruhigt mich, zu sehen, dass sie nicht allein ist. Neben Mutter und Kind döst ein Hund mit einer großen schwarzen Nase. Als ich die drei noch beobachte und mich frage, wie ich sie wohl im nächsten Jahr vorfinden werde, ertönt plötzlich ein ohrenbetäubender Lärm hinter mir. Ich drehe mich um und sehe, dass schon wieder eine Ladung Päckchen vom Schlitten gefallen ist. Es sind einfach zu viele Geschenke. Viel zu viele Geschenke.

Auf einer Straße weit unten im Süden macht sich ein Mann in schmutzigen, kaputten Kleidern auf den Weg zur Kirche. Er fällt gar nicht auf inmitten der Menschenmassen, die auf dem großen Marktplatz durcheinander laufen. Sein Kopf ist gesenkt, seine Augen müde. Neben ihm trottet, wie jedes Jahr, der alte Schäferhund her.

Ich kenne die beiden schon eine lange Zeit. Jedes Jahr wenn ich mein Fernrohr zur Hand nehme, hoffe ich insgeheim, ihn und den Hund in einer warmen Stube zu finden, mit reichlich zu essen und einer Familie. Und wieder muss ich ihn hier entdecken, auf dem Lüneburger Hauptplatz, auf den Stufen der Kirche. Auch zu ihm werde ich heute Nacht noch kommen. Er ist einer der wenigen Menschen, die sich an Weihnachten noch auf die wesentlichen Dinge besinnen. Für ihn lasten auf meinem Schlitten kein Dutzend Päckchen mit Kostbarkeiten aller Art. Nein, ihm genügt es, wenn er an Weihnachten die Sterne sehen und der Messe lauschen kann. Heute Nacht werden die Sterne gut zu sehen sein.


Ich werfe einen Blick ins Lager, das sich langsam leert. Die Reise nach unten steht kurz bevor. Nur noch wenige Minuten bleiben, um einen letzten Blick ins Rohr zu werfen.

Ich suche ein Kinderzimmer mit großen blauen Vorhängen und einem kleinen Mädchen im Samtkleid darin. Ah, da hab ich es auch schon gefunden. Ich muss schmunzeln, als ich sie erwische, wie sie beim aufräumen kurz in den Garten hinaus schielt. Ach, was wäre das für ein Disaster geworden, hätte die kleine Louise mich nicht wieder fortgeschickt, als ich gestern in ihrem Garten landete.

Es ist aber auch wirklich schwer, an alles gleichzeitig zu denken, das lasst euch gesagt sein. Ich werde immer älter und habe immer mehr zu tun. Und irgendwann musste es ja einmal so kommen, dass ich einen Fehler mache. Da bin ich also schon einen Tag zu früh losgezogen. Wäre die Kleine nicht gewesen, ach, ich will gar nicht dran denken. Noch einmal ist alles gut gegangen.

Ich kann wirklich von Glück reden, dass ich an sie geraten bin. Sie wird es nicht weitererzählen, was geschehen ist, weil sie noch glauben möchte.

Kinder glauben wenigstens noch. Die meisten zumindest. Das erleichtert mir die Mühen und macht es schöner für mich, auf die Erde zu kommen. Auf die Erde, auf der sich so viel verändert hat.


Was ist Weihnachten denn noch, muss ich fragen. Was ist Weihnachten? Geschenke? Geld ausgeben und Einkäufe tätigen? Wie gehetzt durch die Straßen ziehen, immer auf der Suche nach preisgesenkten Geschenkartikeln und blind für einander? Das ist es, was ich sehe, wenn ich nach unten schaue. Sind die Menschen wirklich blind für einander geworden? Es macht mich unwahrscheinlich traurig, darüber nachzudenken. Es macht mich traurig und müde, zu beobachten, wie sie sich verhalten dort unten. Und es wird jedes Jahr mehr. Mehr Hektik, mehr Geiz, mehr Gier und Hass.

Was ist Weihnachten? Kinder wissen auf diese Frage noch Antworten zu geben. Weihnachten ist Heimlichkeiten, ist Geschichten erzählen, sich Zeit für einander nehmen, an einander denken. Weihnachten ist Überraschungen machen und empfangen. Weihnachten ist Feierlichkeit, Festlichkeit, sich besinnen auf den Ursprung dieser Tradition.

Weihnachten, das ist Glaube. Glaube an den Weihnachtsmann, Glaube an andere, an Hoffnung, an Gemeinschaft, an kleine und große Wunder. Und wenn sie doch alle blind für einander geworden sind, dann sind sie auch blind geworden für die vielen Wunder, die in dieser Zeit geschehen.

Es macht mich müde. Es macht mich müde und traurig und alt, über die Menschen nachzudenken. Ganz weiß ist mein Bart schon geworden, noch weißer als in den vielen Jahren zuvor. Was soll ich schon ändern? Ich mache mich nur jedes Jahr wieder auf den Weg mit meinem großen Schlitten und meinen braven Renntieren. Ich teile jedes Jahr wieder die Geschenke aus, überall. Ich stehe jedes Jahr aus meinem gemütlichen Sessel auf, um eine ganze Nacht lang zu arbeiten, weil ich nicht einschlafen möchte. Bei all der Müdigkeit, die auf meinen Schultern lastet, möchte ich doch nicht einschlafen, weil ich die Hoffnung nicht aufgebe, dass es Menschen dort unten auf der Erde gibt, die an Weihnachten glauben. Und an all das, was Weihnachten ist, was Weihnachten immer war. Menschen wollen immer Beweise für alles Mögliche haben. Sie wollen immer nachvollziehen und verstehen können, wollen immer bescheid wissen. Aber wozu? Was wäre Weihnachten denn noch, wenn alle bescheid wüssten? Nein, dazu ist es mir zu schade. Dazu sind mir die vielen Jahrhunderte, Jahrtausende Arbeit zu schade. Manchmal muss man an etwas glauben, einfach weil man es möchte. So, wie es die kleine Louise tut.

Weihnachtsmann! Weihnachtsmann; komm! Es kann losgehen!“

Oh, da werde ich nun endlich gerufen. Es ist wirklich Zeit, aufzustehen. Auch, wenn es mühsam ist, es muss sein. Jetzt setzte ich mich auf den schwer beladenen Schlitten. Noch einige Sekunden, dann ist es wieder soweit. Dann fängt mein Arbeitstag wieder an. Und in ein paar Tagen werden die Feiertage vorüber und die Geschenke ausgepackt und benutzt sein. Dann ist Weihnachten wieder vergessen bis zum nächsten Jahr. Dann sind die Freundlichkeiten und Überraschungen wieder vergessen und der Alltag wieder eingekehrt.

Ja, ich werde altern. Mit jedem unfreundlichen Wort, mit jeder gehässigen Geste, mit jeder egoistischen Tat werde ich älter und älter und mit mir wird Weihnachten alt.

Ich kann nicht zu den Menschen reden, das ist nicht meine Sache, aber als ich jetzt losfahre und mit meinem Schlitten durch die Lüfte fliege, flüstere ich leise : Wacht auf! Wacht auf, ihr Leute, Weihnachten ist nicht nur heute. Weihnachten ist das ganze Jahr!

December 17

Sternenstaub - 3. Advent

 


Blühende Fantasie


Oder das Geheimnis um ein verfrühtes Weihnachtsfest


Hört gut zu. Ich will euch ein Geheimnis verraten. Ihr müsst wissen, mir ist etwas ganz außergewöhnliches widerfahren. Nur kann ich es niemandem erzählen. Warum nicht? Na ganz einfach deshalb, weil es mir keiner glauben würde. Vielleicht Jule, meine Nachbarin, aber die ist im Skiurlaub mit ihrer Familie und da bleiben nur noch meine Eltern übrig. Und die würden es eben nicht glauben. Ich weiß das so genau, weil mir oft außergewöhnliche Dinge passieren und ich schon oft versucht habe, ihnen davon zu berichten. Dann sagen sie nur so etwas wie „Ja, Luise, das weiß ich doch.“ Oder „Ach, Kind, es ist so schön, was für eine blühende Fantasie du hast.“
Natürlich ist es schön, was ich für eine blühende Fantasie habe, und ich benutze sie auch gerne, aber das habe ich mir eben nicht ausgedacht.

Ich bin erst sechs. Vielleicht nehmen sie mich deswegen nicht ernst. Oder weil ich zwei Zöpfe mit lila Schleifen auf dem Kopf habe. Oder weil ich noch nicht ganz bis hundert zählen kann. Woran es liegt, das weiß wohl niemand so genau, aber eben deshalb kann ich es ihnen nicht erzählen.

Was geschehen ist? Eine ganze Menge. Der Kalender im Flur wurde umgeschlagen auf Dezember. Mama, Papa und Oma sind heimlich in die Stadt gefahren um Geschenke zu kaufen und draußen hat es geschneit, viele weiße Flocken. Ja, das geschieht natürlich jedes Jahr. Es ist nur so, dass noch etwas anderes passiert ist. Am Tag vor Heilig Abend drehen sie alle völlig durch. Mama springt in der Küche auf und ab, Töpfe klappern und alle halbe Stunde geht der Küchenwecker, damit die Gans nicht anbrennt. Papa macht einen furchtbaren Krach im Keller, weil er da die Krippe zusammen baut und Oma schnürt Päckchen und schreibt Kärtchen, die nachher unterm Baum liegen mit unseren Namen darauf. Und alle schauen ständig auf ihre Uhren und fassen sich an die Stirn und wirbeln an einem vorbei. So geht das bis zur letzten Minute, wenn es Zeit ist, in die Kirche zu gehen. Daran habe ich mich längst gewöhnt. Am besten ist es, man verhält sich ganz still und leise. Ich setze mich meist in Ecken oder lasse mich in große Sessel sinken. Da schaue ich dann ein Video oder male ein Bild oder sehe einfach nur zu, was sie alle treiben. Und manchmal lache ich ganz heimlich darüber, wie lustig sie aussehen, wenn sie von hier nach dort und zurück flitzen ohne zu bemerken, dass ich hier sitze und zuschaue. Fragen darf man an solch einem Tag keinen etwas, denn dann werden sie ganz furchtbar rot, schieben einen durchs Zimmer, setzen einen irgendwo hin und geben einem Aufgaben. Nein, das habe ich nicht getan. Darin habe ich Erfahrung. Ich hab nur da gesessen und mir die Flöckchen angesehen, die auf die weiße Schneedecke im Garten fielen. So lange, bis es ganz dunkel wurde draußen. Dann gingen die Laternen an und die Flocken sahen aus wie kleine schwarze Fliegen, die im Sommer im Licht herum fliegen. Eins, zwei, drei, vier, zählte ich und da hörte ich auf einmal einen riesigen Rums in meinem Zimmer. Erst wollte ich zu Mama in die Küche laufen, aber die hatte sich gerade die Finger am Blech verbrannt und schimpfte ganz laut vor sich hin. Also bin ich den Flur lang gerannt bis hin zu meiner Tür und hab ganz vorsichtig einen Spalt geöffnet. Schnee! Da lag ganz viel kalter, nasser Schnee auf meinem rosa Teppich. Und das Fenster stand offen. Schnell lief ich hinein und machte es wieder zu. Und da sah es aus, sage ich euch! Der ganze Teppich nass und riesengroße Fußabdrücke mitten drin. Ich tapste mit meinen Strümpfen in einen hinein. Ja, so große Stiefel hat selbst mein Papa nicht! Ich tapste in den nächsten und den nächsten bis meine Füße nass und kalt und die Spur vorbei war. Genau vor dem Fenster hörte sie auf. Das war doch schon sehr seltsam. So seltsam, dass ich nachschauen musste, wer da einfach so in mein Zimmer gestiegen und alles schmutzig gemacht hatte. Und überhaupt, wer konnte denn so große Füße haben? Ich krabbelte auf die Heizung und machte das Fenster wieder auf. Vorsichtig beugte ich mich ein Stück raus und lauschte angestrengt. Nichts. Nur Dunkelheit und weißer Schnee überall auf der Wiese. Schnee, Schnee, Schnee und – Fußstapfen! Mitten durch den Garten bis hin zu der großen Tanne. Ich lehnte mich noch ein Stück weiter raus und musterte den breiten Stamm. Irgendwas war da unter dem Baum und bewegte sich. Und als ich dann erkannte, was da in unserem Garten unter dem Baum stand, könnt ihr euch denken, was für einen Schreck ich bekam. Ein Schlitten. Ein riesiger, langer Schlitten mit vier Renntieren daran und einem großen, roten Klumpen Mensch darauf. Und der große rote Klumpen hatte ganz kleine, blinkende und funkelnde Augen, die erschrocken zu mir rüber schauten. Ganz schnell stieß ich das Fenster zu, sprang von der Heizung runter auf den Boden und hielt mir die Hände vors Gesicht. Der Weihnachtsmann war in unserem Garten! Aber es war doch noch gar nicht Weihnachten. Ich schaute hinüber zu meinem Adventskalender. Das 24. Türchen in der Mitte war noch fest geschlossen. Nein, Weihnachten war es ganz sicher noch nicht. Bevor ich weiter grübeln konnte, fiel mir die Gute Nacht Geschichte ein, die mir Oma am 3. Advent vorgelesen hatte. Da ist der Weihnachtsmann vom Himmel gefallen und alle haben ihn angestarrt und auf ihn eingeredet und sich seine Geschenke gekrallt. Ja, und dann, dann war der arme Mann so verschreckt, dass er nicht wieder kam. An keinem einzigen Weihnachtsfest, weil doch niemand je den Weihnachtsmann sehen sollte. Weil es doch sonst nicht mehr geheim wäre und spannend und festlich. Nein, den Weihnachtsmann darf man nicht sehen. Und schon gar nicht, wenn gar kein Weihnachten ist. Und was nun? Ich saß immer noch ganz still und leise an die Heizung gelehnt in der Schneepfütze auf meinem Teppich. Nein, ich würde den Weihnachtsmann nicht verjagen. Ich wollte noch ganz viele Weihnachten haben. Noch hunderthunderttausende. Aber jemand musste ihm doch sagen, dass er sich im Tag geirrt hatte. Sonst würde er in alle Häuser kommen und die Menschen überraschen, die ja gar nicht in der Kirche, sondern zu Hause wären, weil es ja gar nicht Heilig Abend, sondern erst der dreiundzwanzigste Dezember war. Ja, das musste wirklich gemacht werden. Also kletterte ich wieder hinauf und machte vorsichtig das Fenster auf. Da war er noch, unter der Tanne im Schnee. Ich blinzelte nur ganz vorsichtig, um ihn nicht richtig anzugucken. Dann lehne ich mich ganz weit vor und flüsterte „Du, ich schau dich nicht an, aber du bist zu früh!“ Irgendetwas regte sich unterm Baum und dann war es wieder still. „Morgen ist erst Weihnachten, aber du kannst ruhig so lange in unserem Garten warten.“ Kurz überlegte ich, ob ich noch etwas hinzufügen oder fragen sollte, aber dann dachte ich wieder an die Geschichte und machte schnell das Fenster zu. Und den Vorhang auch und bevor ich ins Bett ging, legte ich noch zwei große Badehandtücher auf die Pfütze in meinem Zimmer, damit niemand auf die Idee kommen würde, dass irgendjemand Schnee hinein gebracht hat.

Ja, dann war es eigentlich wieder so wie jedes Jahr am Weihnachtstag. Ich bin morgens aufgewacht und habe als erstes mein Türchen aufgemacht und bin zu Mama ins Badezimmer gelaufen und habe ganz lange gebadet. Dann haben wir die Teller mit den Plätzchen zurechtgemacht und ich habe mit Oma ein Futterkörbchen für die Vögel an die Tür gehängt. Als es dann dunkel wurde, habe ich mein rotes Samtkleid angezogen und Mamas Lippenstift genommen und wir sind alle zusammen in die Kirche gegangen. Und eben, da sind wir wieder zurück nach Haus gekommen und ich sitze seit ein paar Minuten in meinem Zimmer und muss warten, bis ich gerufen werde, damit wir ins Wohnzimmer gehen und die Geschenke auspacken können. In den Garten habe ich nicht mehr geschaut. Noch nicht einmal zum Fenster hab ich geguckt und ich werde es auch bestimmt nicht tun. Oma hat mal gesagt „Zu viel Neugier macht Freude kaputt.“. Ich bin zwar erst sechs und bis hundert zählen kann ich auch noch nicht, aber dass man den Weihnachtsmann nicht einfach bei der Arbeit stören darf, das weiß ich allemal. Nun wisst ihr bescheid über mein kleines Geheimnis. Aber ich sage euch, versucht nicht, euren Eltern davon zu erzählen. Erwachsene glauben so etwas nicht. Erwachsene glauben nämlich nur das, was sie sehen und sonst nichts. Aber das hat schon seinen Grund, dass sie nicht alles sehen, was sie glauben sollten. Denn wenn man alles sehen und bestaunen könnte, wo wäre denn dann die Heimlichkeit? Meistens haben sie selbst auch daran geglaubt und dann sind sie groß geworden und haben vergessen, sich daran zu erinnern und irgendwann vergessen sie dann, an was sie sich erinnern sollten und das tut ihnen so leid, dass sie es einfach nicht glauben wollen, selbst wenn man sie dran erinnert, so wie ich es versucht habe. Dann denken sie sich so hübsche Wörter wie „blühende Fantasie“ aus und vergessen ganz schnell wieder, was ich gesagt habe, damit sie sich den Dingen widmen können, die man deutlich und klar sehen kann.
Und da rufen sie mich auch schon und ich stürze schnell zur Tür raus, renne den Flur entlang und gehe dann ganz langsam durch die Tür zum Wohnzimmer. Ich stelle mich neben Mama und Papa und Oma und schaue zu unserem schönen Weihnachtsbaum mit all den vielen Päckchen darunter und da stupst mich Papa an und sagt: „Nun schau bloß mal, Luise, was der Weihnachtsmann alles gebracht hat!“. Und Mama spielt die ersten Klänge auf dem Klavier. Ja ja, was er alles gebracht hat, der Weihnachtsmann. Da denken sie nun alle, sie wissen es besser, weil sie älter sind. Diese Erwachsenen. Aber ich strahle nur und bevor wir alle anfangen, das erste Weihnachtslied anzustimmen, schaue ich über meine Schulter hinaus in den Garten in die verheißungsvolle Dunkelheit. In die geheimnisvolle Weihnachtsnacht und singe „Fröhliche Weihnacht überall, tönet durch die Lüfte froher Schall. Weihnachtston, Weihnachtsbaum, Weihnachtsduft in jedem Raum…“

December 10

Sternenstaub - 2. Advent

Hier die Geschichte zum zweiten Advent
 
 

Zu Hause


Irgendwann habe ich aufgehört, mich zu erinnern. An meinen Geburtstag, an die Monate, die Jahreszeiten. Ja, selbst an meine Familie und meinen Beruf. Das heißt, manchmal denke ich auf einmal daran, ganz plötzlich, ohne Vorbereitung. Und dann ist es jedes Mal, als ob es ganz kalt wird um mich herum. Dann lehne ich mich jedes Mal ganz nahe an Bommel, weil er immer so warm ist. Selbst im wärmsten Sommer wird mir dann kalt. Aber Bommel wundert sich nicht mehr. Er weiß, was geschehen ist, wenn ich mich an ihn kuschele. Dann weiß er, dass es mir kalt wurde, eisig, weil ich mich erinnert habe. Aber jetzt ist es um mich herum sowieso kalt, jetzt ist die Kälte besser zu ertragen.

Seit einigen Tagen liegt Schnee. Ich schätze, es ist Ende Dezember. Man lernt mit der Zeit, die Zeichen zu verstehen. Deshalb setze ich mich auch immer an denselben Platz, genau hier vor dem großen Kreisel, wo die vielen Wege und Straßen zusammenlaufen. Genau hier, denn so kann ich alles genau beobachten, kann mir die Menschen anschauen, mir Gesichter merken und ein klein bisschen Gewöhnung einkehren lassen. Manche der Gesichter sehe ich wieder, andere nicht. Und wieder andere sehen mich vielleicht, während ich sie gar nicht bemerke. Wenn man nur einen Augenblick die Augen schließt, laufen ungefähr einhundert Menschen kreuz und quer an einem vorbei. Irgendwie macht mich diese Vorstellung traurig und glücklich zugleich. Wenn man hier an meinem Platz sitzt, Tag ein, Tag aus, dann spürt man, dass man am Leben ist. Das ist, als ob man atmet, ein und aus. Mit jedem lächelnden Gesicht atme ich ein und mit jedem weinenden oder wütenden wieder aus.

Sie werden sich bestimmt fragen, was mich hierher gebracht hat. Hierher, auf die St. Marien Straße in Lübeck. Nun, wissen Sie, dies und jenes. Nichts Besonderes, nichts Außergewöhnliches. Im Grunde dasselbe, was all die anderen hier hin gebracht habt. Im Grunde ist es immer dasselbe. Jeder hat seine Geschichte, aber alle enden sie hier.

Sie haben Stellen abgebaut damals, in meinem Büro. Und dann saß eines Tages der andere an meinem Tisch und nahm die Telefonate entgegen. Na ja, und ab da war es eigentlich vorbei mit der Wohnung und allem. Nicht sofort, aber damals stand es wohl schon fest, glaube ich. Erstmal bin ich zurück zu Mutti in unsere alte Wohnung gezogen, mit der kleinen Küche und dem blauen Bad und dann ist sie krank geworden. Die Wohnung wurde abgegeben und sie kam in ein Heim. Zu der Zeit habe ich mich das erste Mal hier hin gesetzt, neben den breiten Pfosten mit Bommel und da war es gerade Herbst geworden. Dann ist es auch noch eine Zeit lag so weiter gegangen. Die Besuche im Heim, die ersten Nächte ohne zu Hause. Und als Mutti dann gestorben ist, waren wir allein, Bommel und ich. Dann fragt man sich am Anfang noch allerhand. Warum man keine Freunde hat, die einem helfen. Wo man Arbeit bekommen und einen Schlafplatz finden kann. Was aus der Küche und dem blauen Bad geworden ist und wer der Mann ist, der meine Telefonate entgegen nimmt.

Und etwas später triffst du dann die ersten Leute hier auf der Straße. Menschen, denen es so geht wie dir. Menschen, mit denen du reden kannst, aber begreifen tust du es immer noch nicht. Dann stellt sich die Routine ein. Mahlzeiten im Obdachlosenheim, Nächte in großen Wolldecken, Glühwein gegen die Kälte vom Frost. Der erste Winter war noch hart. Da habe ich noch die Tage gezählt, wie lange ich schon hier bin und später die Wochen. Da habe ich am zwölften Dezember noch eine Kerze angezündet und an meinen Geburtstag gedacht. Aber irgendwann kommt der Tag, an dem du begreifst, was los ist und wo du gelandet bist und dann hörst du mit einem Mal auf mit den Erinnerungen. Dann schaltest du ab und lässt die Tage und Wochen an dir vorbeiziehen, weil es sonst zu sehr schmerzen würde. So habe ich es gemacht, wissen Sie. Und jetzt, da bin ich hier. Immer noch und sitze an meiner Stelle in der St. Marien Straße mit meinem Schäferhund, meinem Bommel, und mit und meiner Decke.

Vor einigen Wochen haben sie die Weihnachtsdekoration überall angebracht. Ja, das ist schön. Das gefällt mir jedes Jahr wieder, wenn alles selbst in der tiefsten Nacht noch hell erleuchtet ist, von den vielen Lichterketten über den Laternen und an den Fenstern und Bäumen. Dann wird mir jedes Jahr ganz warm ums Herz, dann lehne ich mich an den Pfosten, mit meinem Bommel, und schaue in die Nacht und die vielen Lichter darin und dann ist es jedes Mal fast, als ob Weihnachten auch hier auf die Straßen gekommen wäre. Dann ist einem, als ob jeden Augenblick der Schlitten mit den Renntieren am Himmel erscheinen und die Engel singen würden.

In den letzten Tagen hatten es die Leute dann immer eiliger und die Tüten wurden immer mehr. Und irgendwie liegt es auch in der Luft. Etwas ganz stilles und edles und dann dauert es nicht mehr lang bis Heilig Abend ist.

Und gewartet haben wir auch schon, Bommel und ich. Jeden Abend haben wir gewartet und gelauscht, wann die Kirchenglocken läuten, die den Weihnachtsgottesdienst ankündigen. Noch sind sie still geblieben. Aber Bommel ist ein geduldiger, alter Hund und ich warte mit ihm. Manchmal denke ich, es ist wohl für ihn schlimmer als für mich. Weil er doch nicht versteht, was passiert ist. Nein, mein Bommel weiß nicht, warum wir abends nicht mehr nach Hause gehen, wenn es dunkel wird. Warum wir hier sitzen und niemand zu uns kommt und mit uns redet. Und doch bleibt er bei mir. Ein treuer, alter Hund ist er, der Bommel.

Horch, Bommel, da läuten sie jetzt. Die großen, schweren Glocken im Kirchturm. Gerade jetzt, gerade heute, wo wir gar nicht gewartet und die Ohren gespitzt haben. Und jetzt läuten sie. Laut und feierlich. Na komm, mein Freund, wir machen uns auf den Weg. Und da steht er auf und trottet neben mir her. Die Kirche ist gleich hinter dem Marktplatz. Einmal um die Ecke und da sind wir schon. Ja, jetzt laufen sie alle. Alle laufen sie zur Kirche und halten ihre Kinder an den Händen und tragen ihre feinen Mäntel und Hüte. Alle haben sie ihre Lieben dabei und ich habe meinen Bommel und wir setzen uns auf oberste Stufe am Eingang und lauschen den Liedern. Herrlich warm ist es hier und es duftet nach Heilig Abend, nach Schnee und Tannen und Kerzenwachs und Honigkuchen.

Und mein Bommel kommt ganz dicht an mich ran und legt seine Pfote auf mein Knie. Ja, jetzt ist auch ihm plötzlich kalt geworden. Wissen Sie, auch mein Hund erinnert sich manchmal und braucht Trost und einen Freund. Er versteht nicht viel von all dem, er ist nur ein alter Schäferhund, aber wenn er sich so an mich lehnt, dann spür ich genau wie er, dass er sich erinnert hat. Vielleicht weiß er es nicht einmal, aber kalt wird ihm, wie es mir kalt wird, wenn ich an meinen Schlüssel denke, an die blauen Kacheln im Bad meiner Mutter oder meinen Schreibtisch im Büro. Ja, das war einmal. Irgendwann. Irgendwann habe ich aufgehört, mich zu erinnern. Und dabei bin ich alt geworden. Mein Geburtstag, die Monate, die Jahreszeiten, all das merkt man nicht mehr. Aber Weihnachten. Mit Weihnachten ist es etwas anderes, wissen Sie. Das findet einen immer, davor kann man die Augen nicht verschließen, weil sie genau vor einem sind. All die Menschen, die Lichter und die Düfte. Und wieder hat Weihnachten uns gefunden, Bommel und mich und wir sind ihm gefolgt. Manchmal sehnen wir uns mehr danach, ein zu Hause zu haben und ein andern Mal weniger, aber an Weihnachten, da sind wir hier zu Hause. Genau hier auf den Stufen vor der Kirche, da wissen wir, wo wir hin gehören. Und drinnen singen sie jetzt das Schlusslied und als die letzten Verse nach draußen zu uns klingeln, halte ich ihn ganz fest, meinen Bommel, und summe leise mit. „In den Herzen ist’s warm. Still schweigt Kummer und Harm, Sorge des Lebens verhallt, freue dich, Christkind kommt bald. Freue dich, Christkind kommt bald.…“